Hintergründe

Multikulturalität – Interkulturalität – Transkulturalität

Als „interkulturelles“, „interreligiöses“ Ensemble haben wir uns mit den Begriffen „Multikulturalität“, „Interkulturalität“ und „Transkulturalität“ auseinandergesetzt.

Diskussionen darüber, wie man über „Kultur“ reden und sie konzeptualisieren kann, sind nicht neu. Das Dilemma dabei besteht darin, dass unter „Kultur“ lange eine homogene, in sich geschlossene, nach außen abgrenzbare Entität verstanden wurde, deren Mitglieder und Praktiken zweifelsfrei zugeordnet werden können. Das bedeute im Umkehrschluss, dass eine Durchmischung von und ein Austausch zwischen Kulturen nur eingeschränkt möglich sind. Das spiegelt unsere Realität nicht adäquat wider und führt schnell zu einer Stereotypisierung der „Kulturen“ und ihrer Mitglieder. Verabschiedet man sich aber von der Vorstellung, dass es bestimmte Kulturen gibt, die bestimmte übergreifende Eigenschaften haben, erschwert dies die Kommunikation über Kulturen und ihre Eigenschaften, Gemeinsamkeiten und Unterschiede jedoch enorm.

In unserer Diskussion über Kultur haben wir uns unter anderem mit einem Text von Wolfgang Welsch (2009) auseinandergesetzt. Dieser diskutiert darin unter anderem die Begriffe „Multikulturalismus“, „Interkulturalismus“ und „Transkulturalismus“.

Er definiert Multikulturalismus als die Vorstellung und das Ideal, dass Kulturen nebeneinander existieren, aber sich nicht beeinflussen (Bsp.: Gastarbeiter, die keinen bzw. kaum Kontakt zu anderen Bereichen der Gesellschaft haben, unter anderem aufgrund von Wohnverhältnissen, Arbeitsverhältnissen, Alltagsstrukturen etc.).

Interkulturalität verfolge das Ziel, den interkulturellen Dialog zu stärken und dadurch ein Verständnis von verschiedenen Kulturen füreinander zu schaffen, ohne dass diese Kulturen sich jedoch beeinflussen oder sich an sich verändern (Bsp.: Der Andere ist und bleibt anders und ich verstehe ihn zwar, integriere ihn jedoch nicht in das Eigene. Dieser Aspekt spielt auch in Edward Saids Vorwurf des Orientalismus eine Rolle).

Er schlägt als alternatives Konzept den Transkulturalismus vor. Dieses löse sich von der Vorstellung, dass Kulturen homogen und klar voneinander abgrenzbar sind und legt den Fokus darauf, dass sie sich gegenseitig beeinflussen, durchflechten und Gemeinsamkeiten aufweisen. Dies spiegelt sich unter anderem in globalen Bewegungen z.B. in Hinblick auf Klimaschutz oder Feminismus wider, gab es aber auch schon in der Geschichte, wenn man sich z. B. Die Beeinflussung der „Altgriechischen Kultur“ durch vorhergegangene und umliegende Kulturen (Ägypten, Babylonien, Phönizien…).

Zudem gehe Transkulturalismus davon aus, dass jeder Mensch verschiedene kulturelle Wurzeln hat und damit verschiedenen Kulturen angehört, in einer individuellen Zusammensetzung. Dies begründet Welsch damit, dass wir durch den steigenden Kontakt mit Menschen verschiedenster Herkünfte, Sprachen und Systeme ständig in einem Austausch seien, der uns beeinflusst. Zudem gehörten wir verschiedensten Gruppen aus unserem Alltag an, die ihre eigenen kulturellen Symbole, Rituale, Werte und Identitäten haben. Dazu gehören z. B. unsere Berufsgruppe, Interessensgruppen (Musiker) oder eine bestimmte gesellschaftliche Schicht. Dadurch sei jedes Individuum wiederum ein Teil verschiedener Gruppen mit eigenen Kulturen – welche in sich wieder heterogen seien.

Obwohl wir in dem Konzept der Transkulturalität eine adäquate Widerspiegelung der Realität sehen, haben wir uns bewusst dafür entschieden, ein „interkulturelles“ Ensemble zu sein. Dies hat vor allem zwei Gründe: wir wollen in Dialog treten mit verschiedenen kulturellen Traditionen und bedienen uns einer Komplexitätsreduktion, um einen Dialog möglich zu machen. Dabei sind wir uns der Gefahr der Stereotypisierung bewusst und setzen uns kontinuierlich mit unseren Vorstellungen, Formulierungen und Assoziationen auseinander. Zum anderen ermöglicht das Festhalten an der Vorstellung von verschiedenen Kulturen mit bestimmten Eigenschaften eine Überlappung und Kontrastierung, welche einen künstlerischen Mehrwert mit sich bringt.

In unseren Werken versuchen wir durch eine musikalische Verarbeitung von Symbolen, Klängen, Instrumenten und Traditionen verschiedenster Kulturen die darauf projizierten Stereotype aufzubrechen und neu zu kontextualisieren und damit eine neue Perspektive und kritische Auseinandersetzung darauf zu ermöglichen/anzuregen.

STEREOTYPE

Unsere Auseinandersetzung mit verschiedenen kulturellen und religiösen Traditionen, Ansichten, Erzählungen, Klängen, Texten, Bildern und vielem mehr wirkt in zwei Richtungen: zum einen versuchen wir selbst, stets über unsere Horizonte hinaus zu schauen und uns inspirieren zu lassen. Diese Auseinandersetzung schlägt sich in unserem künstlerischen Wirken nieder und ist manchmal vielleicht gar nicht sofort als solche direkt wahrnehmbar. So gibt es z.B. in LUX PERPETUA und KALEIDOSCOPIA das Werk Campanula, welches auf verschiedenen Ebenen von Glockenklang inspiriert ist. Die verschiedenen Tempi eines kirchlichen Glocken-„läutens“ werden verarbeitet, welche durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, in denen die verschieden großen Glocken schlagen, entstehen. Ebenso wird die besondere Klangstruktur der Glocken aufgegriffen, wie der scheinbar ewige Nachhall.
Diese Inspiration und ihre Quelle sind so subtil, dass sie bei den meisten Hörer*innen wohl eher unterbewusst wirken.

Zum anderen möchten wir bestimmte Klänge dazu nutzen, um einen bestimmten interkulturellen Kontext zu zeichnen und bedienen uns an Symbolen, mit denen wir Assoziationen mit bestimmten Gedanken, Traditionen und auch Stereotypen auslösen möchten, mit denen wir aber im gleichen Zug wieder brechen, indem wir die Symbole verarbeiten und in neue Kontexte betten – ein musikalisch übersetzter interkultureller Dialog. Ein Beispiel dafür ist das „Muezzin-Motiv“, z.B. in MessiaSASAmbura, welches an einen Muezzin und damit an islamisch geprägte Kontexte und die eigene Assoziationen damit erinnern soll. Es wird jedoch nicht versucht, das Motiv schlicht zu reproduzieren, sondern es wird verarbeitet: durch die Klangproduktion (z.B. eine Kombination aus Multiphonic auf einer Altflöte und einem glissandierten Motiv auf der E-Gitarre) und in einen neuen, weitergehenden Kontext gebettet. Damit ist es in unseren Augen nicht eine Reduzierung auf ein Stereotyp, sondern ein Versuch, seine Vielfalt (klanglich, religiös und kulturell) zu zeigen, neue Perspektiven darauf zu eröffnen und durch die Einbettung in einen Kontext sowohl die Kompatibilität als auch den Gewinn durch das Kontrastieren verschiedener Motive und (Musik-) Traditionen aufzuzeigen.

Anmerkung: Ein Symbol hat immer mehrere Ebenen: zum einen seine ursprüngliche Form und Funktion (z.B. die Flagge als Hinweis auf ein Land), zum anderen löst ein Symbol immer Assoziation mit Dingen aus, die damit in Verbindung stehen (z.B. Wissen, Überzeugungen, Assoziationen und auch Stereotype, die man mit dem Land, seiner Bevölkerung und der „Kultur“ dieses Landes assoziiert), zudem gibt es aber auch andere, künstlerische Ebenen eines Symbols: die Form, die Farben, die akustischen Eigenschaften des Objekts. Wir verarbeiten Objekte auf allen drei Ebenen, wobei die erste und die zweite wohl nur schwer voneinander trennbar sind.

Musik als Medium für interkulturellen Dialog – Möglichkeiten und Risiken

Musik ist ein Medium, über welches weniger konkret kommuniziert werden kann als bei einem verbalen Austausch. Es ist aber eine besondere Chance, um neue Ebenen der Kommunikation zu eröffnen. Mit unserer Musik möchten wir interkulturellen und interreligiösen Austausch auf eine innovative Art und Weise erlebbar machen und damit eine neue kommunikative, non-verbale Ebene für Austausch öffnen.

Dieser Ansatz ist zum einen gewinnbringend, zum anderen aber auch anfechtbar. Das beginnt bereits damit, dass wir mit Symbolen arbeiten und arbeiten müssen, die durch ihre Verarbeitung zwar eine Auseinandersetzung mit dem Thema auslösen sollen, aber auch als kolonialistische Ausbeutung und Exotisierung einer (Musik)kultur verstanden werden könnten. Daher müssen wir uns immer wieder fragen, inwiefern uns ein Vorwurf des „Orientalismus“ gemacht werden kann.

Wie gehen wir damit um, wenn Musik anders aufgenommen wird ? Funktioniert ASAMBURA ohne die gesellschaftliche Konnotation?

Besonders in choreografischen, szenischen Kollaborationen haben wir bereits die Erfahrung gemacht, dass die verarbeiteten Stereotype reproduziert aufgenommen wurden und deren Brechung ignoriert wurde. Dies würde die Gesamtaussage unserer künstlerischen und ethischen Aussage und die Wirkung der Komposition ins Gegenteil verkehren. Es ist uns wichtig, diese kritischen Perspektiven immer wahrzunehmen und gemeinsam darüber zu beraten. Diesen Dialog suchen wir mithilfe von Einführungsgesprächen, Diskussionen, Programmheften, unseren Begegnungsprojekten (z.T. im Bereich der Vermittlung), Texten auf der Website und Social Media und perspektivisch in einem PodCast.

Dennoch ist es nicht zwangsläufig nötig, zusätzliche Informationen einzuholen, um die Asambura-Musik verstehen zu können, da wir unseren Fokus auf die klangliche, non-verbale Ebene legen. Eine Konzerteinführung und ein Programmheft sind als Hörhilfen für „neue Hörhorizonte“ gedacht, unsere musikalische Sprache vorzustellen und zugänglicher zu machen. Dennoch birgt eine Einführung und ein Programmheft auch die Gefahr, dem Publikum einen unvoreingenommen, offenen Höreindruck (der wichtig ist!) zu nehmen und die affektiven Mitteilungsebenen, die über Sprache hinausgehen, in den Hintergrund zu rücken.

Wichtig zu erwähnen ist, dass wir nicht den Anspruch stellen, Kulturen und Religionen in ihrer Gänze in unseren Projekten widerzuspiegeln. Dies ist aufgrund ihrer Komplexität und Inhomogenität (Heterogenität) nicht möglich. Dennoch lassen wir uns von Aspekten, Praktiken, Phänomenen und Ansichten inspirieren und verarbeiten sie musikalisch. Gerade in der Auseinandersetzung mit „dem Islam“ auf einer musikalischen Ebene kann der Vorwurf aufkommen, dass ein großer Teil der Sunniten und Schiiten, aber auch anderer Gruppen wie z.B. der Ahmadiyya von einem Musikverbot im Islam ausgehen, diese in ihren Gottesdiensten nicht vorkommt und damit eine musikalische Repräsentation des Islam nicht möglich ist. Dennoch gibt es auch islamische Musiktraditionen, z.B. in sufitischen Traditionen, alevitischen Gottesdiensten und den Ritualen des schiitischen ʿāšūrāʾ Festes. Zudem werden nicht nur direkte musikalische religiöse Traditionen, sondern auch andere akustische Aspekte von Ritualen verarbeitet, wie z.B. die verschiedenen Zeitebenen, die vorkommen wenn zum Beispiel in eigenem Metrum in einem jüdischen Gottesdienst gebetet bzw. rezitiert wird. (vgl. MISSA MELASUREJ).

Dabei lassen wir die Unterschiede in Teilen auch bewusst nebeneinander stehen, als Inspiration für neue Perspektiven auf die „bekannten“ kulturellen Traditionen.
Die Umdeutung der Babel-Parabel in eine Wertschätzung kultureller Vielfalt illustriert diesen Ansatz.

Wir möchten als Asambura-Ensemble mit unserer Musik eine gesellschaftliche Dimension überbringen für Dialog, Begegnung und Wertschätzung von Vielfalt. Daher beginnen wir all unsere Konzerte mit einer kurzen Einführung als Angebot für eine „Hörhilfe“ und Erweiterung der Hörperspektiven des Publikums.

Unsere musikalische Verarbeitung von interkulturellem und interreligiösem Dialog führt zum einen dazu, dass wir abstrahierte Klangelemente verarbeiten und sich begegnen lassen, gleichzeitig aber den interkulturellen/-religiösen Dialog auf einer Ebene führen, der sich von der verbalen Ebene zur emotional-affektiven öffnet. Damit kann man Aspekte des Dialoges vermitteln, die in einem Gespräch nicht oder nur schwer vermittelbar wären – Musik eröffnet neue Dimensionen! Wir verstehen uns als ein dynamisches Kollektiv, das wertschätzend in den Dialog mit dem Gegenüber geht. Wir lernen immer weiter dazu, entwickeln uns weiter und hinterfragen uns und unsere Projekte mit dem Ziel, durch Vermittlungsperspektiven zu einem Miteinander beizutragen.

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