nava.silentium
HörWohnheiten der Stille
Beethoven aus transkultureller Perspektive neu hören?

„Nicht sehen trennt von den Dingen, aber nicht hören trennt von den Menschen.” – Immanuel Kant
„nava.silentium – Hörwohnheiten der Stille“ möchte Beethovens Auseinandersetzung mit der Stille und Trennung von Menschen vor dem Hintergrund seiner eigenen Gehörlosigkeit erkunden. Das Spannungsfeld zwischen erlebter Stille und einem inneren Ohr, das die Klänge verfremdet imaginiert, soll in einem Raum der Dunkelheit erfahrbar gemacht werden.
All dies wird mit biografischen Erfahrungen des asambura-Komponisten Ehsan Ebrahimi verwoben. Im Iran wird die Ausübung von Musik vielfach verboten und Künstler*innen zur Stille gezwungen – daher der Titel „nava [farsi für klingend] .silentium [latein für Stille]“, der auf diese Spannung zwischen innerem Klang und äußerer Stille verweist.
Beethoven komponierte viele seiner bedeutendsten Werke, als er bereits schwerhörig oder taub war. Bereits im Alter von 27 Jahren bemerkte er erste Hörprobleme. Diese Herausforderungen beeinflussten nicht nur seine Musik, sondern auch sein Gemüt. In seinen letzten Lebensjahren war er vollständig taub – ein qualvoller Weg für einen leidenschaftlichen Musiker.
Trotz der zunehmenden Verschlechterung seiner Hörfähigkeiten entwickelte Beethoven Strategien, um weiterhin komponieren zu können. Er verließ sich immer mehr auf seinen inneren Instinkt, seine Fähigkeit, sich an Musik zu erinnern, und seine Vorstellungskraft beim Komponieren, wie im Triumph über sein Schicksal, mit dem Höhepunkt der Verbrüderung aller Menschen in seiner 9.Sinfonie. Einige seiner bekanntesten Werke entstanden in seinem Kopf, ohne dass er einen einzigen Ton hören konnte. Er arbeitete mit Hilfsmitteln wie etwa einem Hörrohr oder einem Klavier ohne Beine, um dessen Vibrationen zu spüren. Wie mag seine eigene Musik in ihm geklungen haben?
Wir werden zwei berühmte Werke Beethovens kompositorisch neu deuten und miteinander zu verweben, wobei wir den vermeintlich „normalen“ Klang mit unterschiedlichen klanglichen Möglichkeiten verfremden werden:
In der Neudeutung des 2.Satzes seines berühmten Klavierkonzerts Nr.4 kommen verschiedene elektronische Klangtechniken zum Einsatz, beginnend bei Filtern bis hin zu tiefen Pulsationen, als sensorische Erfahrung – vielleicht in einem dunklen Raum. In der Mondscheinsonate werden mithilfe von Präparationen Klangmodifikationen imitiert, die mit den „originalen“ Klavierklängen als Echoräume kommunizieren.
Der zeitlose Anfang der – erst posthum so benannten – Mondscheinsonate inspirierte auch Schostakowitsch zu einem klanglichen Nachhören, er setzte ihm in den letzten Klängen seiner Viola-Sonate – seinem letzten Werk – ein klangliches Denkmal. Es gibt auch Theorien, wonach Beethoven sich klanglich auf den Tod bzw. Trauermarsch des Commendatore in Mozarts Don Giovanni bezieht, ein inspirierender Brückenschlag.
Und so eindrücklich und empowernd sein Ausruf zur „Verbrüderung aller Menschen“ auch ist, steht er doch in einem Spannungsverhältnis zu historischen und gegenwärtigen Realitäten von Kolonialisierung, (Post-)Imperialismus und Unterwerfung weiter Teile der Welt durch westlich-europäische Großmächte.
Die Idealisierung dieser Vision als Ausdruck humanistischer Werte wirft daher die Frage auf, wie universell dieser Gedanke gemeint war, wessen Stimmen tatsächlich eingeschlossen sind – und wessen weiterhin ungehört bleiben.
Während einige Stimmen wie die Beethovens als zentraler Bestandteil europäischer Musikgeschichte historisch kanonisiert und dauerhaft hörbar sind, werden andere – etwa von Künstler*innen aus dem Iran – strukturell marginalisiert oder in ihrem Ausdruck eingeschränkt. Hörbarkeit wird selbst zu einer Frage von Macht und Bedingungen über die Zeit hinweg, nicht allein von künstlerischem Ausdruck.
So zeichnen wir nach und folgen den bedrückend aktuellen Verbindungslinien zur biografischen und kompositorischen Heimat unseres asambura-Komponisten Ehsan Ebrahimi:
Durch das iranische Regime finden Stimmen kein Gehör – und doch bleibt die Kunst eine Möglichkeit des klangvollen wie auch stillen Protests.
„Als Komponist und Santurist* habe ich mich immer gefragt, wie mein Publikum meine Musik wahrnimmt und welche Teile meiner Botschaft sie wirklich erleben. Diese Fragen führten mich zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit meinen eigenen Hörgewohnheiten und meinem kulturellen Hintergrund.

Meine Reise begann mit der Entdeckung der iranischen Musiktraditionen, meine erste musikalische Prägung. Durch sie erkannte ich, dass meine Hörgewohnheiten sich von denen des westlichen Publikums unterscheiden. Ich konzentrierte mich darauf, was ich hörte und verstand, und fand dabei eine starke Verbindung zur persischen Musik. Selbst in meinen zeitgenössischen Kompositionen, die für ein internationales Publikum bestimmt sind, spüre ich diese ungewollte Verbindung zur persischen Musik, die mich beeinflusst, weil ich so höre.
Während meines Studiums wurde mir bewusst, dass ich Musik anders höre als die meisten meiner klassisch ausgebildeten Kommiliton*innen. Diese Erkenntnis führte zu Fragen darüber, wie ich die westliche klassische wie die klassisch-persische Musik wahrnehme und welche Elemente für mich von Bedeutung sind.
Diese Überlegung brachte mich dazu, über verschiedene Arten des Hörens nachzudenken, einschließlich des Denkens über Musik als eine Form des Hörens – auch an Tagen, an denen ich bewusst keine Musik höre.
Ich erkannte, dass ich Musik auf andere Weise höre, indem ich darüber nachdenke. Diese Erkenntnis eröffnete mir neue Möglichkeiten, Musik zu verstehen und zu erleben. Nicht hören als bewussteres Hören – das klingt zunächst paradox, und ist doch ein spannender Gedanke, der mich in der Beschäftigung mit Beethovens Taubheit sehr fasziniert.
Meine aktuellen Überlegungen und Recherchen konzentrieren sich darauf, wie wir Beethoven anders hören können als bisher. Ich möchte neue Wege finden, um seine Musik zu interpretieren, indem ich meine eigenen Hörgewohnheiten und kulturellen Einflüsse einbringe. Auch die Nutzung moderner Klangmaterialien und die Integration elektronischer Elemente könnten dazu beitragen, Beethovens Musik aus einer neuen Perspektive zu betrachten, neu hören mithilfe von verschiedenen Möglichkeiten der Verfremdung, die neue Anteile erst hörbar oder spürbar machen.
Ich möchte diese Diskussionen, die ich bereits mit verschiedenen Künstler*innen führen durfte, vermittelnd und künstlerisch fortführen und meine eigene musikalische Sprache weiter entwickeln. Ich möchte herausfinden, wie andere Musiker*innen meine Musik hören und welche Aspekte davon für sie relevant sind. Durch diesen Austausch hoffe ich, neue künstlerische Möglichkeiten zu entdecken und meinen eigenen Stil zu vertiefen.
In meinen Kompositionen habe ich oft Elemente anderer Musiker*innen verwendet und neu gedeutet, aber jetzt möchte ich noch mehr ausprobieren, mehr wagen und mich künstlerisch weiterentwickeln.“
Ehsan Ebrahimi ist ein deutsch-iranischer Komponist und Santurist. Er verbindet elektroakustische mit akustischer Komposition. Seine Werke wurden von namhaften Ensembles aufgeführt und auf internationalen Festivals präsentiert. Als Gründungsmitglied verschiedener transkultureller Ensembles und als Leiter von Musikprojekten ist er aktiv an der Förderung der zeitgenössischen Musikszene beteiligt. Im asambura ensemble ist er als Instrumentalist, Komponist und im künstlerischen Konzeptionsteam tätig.
Komposition •Ehsan Ebrahimi
Uraufführung • 2026 in Hannover
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